GRÄFE GMBH & Co. KG Treppen + Handlauf Manufaktur
13.08.2026
HEY SCHNECKE! ANFASSEN ERWÜNSCHT. 5-Achs-Schnitzen.
„...wie aus einer ursprünglich geschnitzten Handlaufschnecke ein komplexes 3D-Bauteil wird – konstruiert, simuliert und schließlich auf fünf Achsen aus dem Holz gearbeitet...“
Manchmal kommen Kollegen mit einer ganz besonderen Herausforderung zu uns. So auch in diesem Fall: Ein Tischlerkollege kam auf Empfehlung eines anderen Kollegen zu uns. Für ein gehobenes Bauvorhaben fertigt er die aufwändig profilierten Handläufe selbst. Was ihm noch fehlte, waren die Anfangs- und Endschnecken – und genau dafür suchte er eine Lösung.
Ursprünglich war gemeinsam mit seinem Kunden eine bildhauerisch geschnitzte Handlaufschnecke bemustert worden. Eine klassische Lösung also, handwerklich aufwendig und entsprechend kostenintensiv.
Unsere Frage war eine andere: Was passiert, wenn wir diese anspruchsvolle Form nicht mit dem Schnitzmesser, sondern mit unseren modernen CAD/CAM-Möglichkeiten denken? Und damit waren wir mitten in unserem Element.
Die Vision
Für eine Handlaufschnecke gibt es verschiedene Wege. Die einfachste Variante wäre ein schlicht angefräster Halbkreis. Technisch machbar – optisch aber eben auch entsprechend einfach. Die zweite Möglichkeit ist die klassische bildhauerische Ausarbeitung: Die Form wird von Hand geschnitzt und bekommt dadurch ihren individuellen, organischen Charakter.
Wir wollten einen dritten Weg gehen. Die Form sollte erhalten bleiben – die Herstellung neu gedacht werden. Als Vorlage standen uns Fotos der ursprünglich handgeschnitzten Schnecke, der originale Handlaufquerschnitt und der dazugehörige Handlauf zur Verfügung. Daraus sollte in unserem CAD-System ein exakt nachvollziehbares 3D-Modell entstehen, das anschließend nicht nur virtuell existiert, sondern tatsächlich auf unserer CNC Maschine gefertigt werden kann.
Und genau hier beginnt der richtig spannende Teil des Projektes. Eine Handlaufschnecke ist eben kein einfacher Kreis, keine 2D-Kontur und kein Bauteil, das man mal eben auf eine Maschine legt und fräst. Die Form verändert sich dreidimensional. Der Handlaufquerschnitt muss sich in die Schnecke hinein entwickeln. Die einzelnen Bereiche müssen ineinander übergehen. Die Proportionen müssen stimmen und vor allem darf am Ende kein sichtbarer Bruch zwischen Handlauf und Schnecke entstehen.
Für uns bedeutete das zunächst: 3D-Konstruktion statt 2D-Zeichnung. Mit Hilfe der Software TopSolid Wood haben wir zunächst den vorhandenen Handlaufquerschnitt nachkonstruiert. Anschließend wurden die Referenzdaten und die vorhandene Schneckenform übereinandergelegt und Schritt für Schritt in ein digitales 3D-Modell überführt.
Besonders spannend war dabei die Funktion des Profilmorphens. Ausgehend vom Beginn der Schnecke über Zwischenprofile bis hin zu den einzelnen Querschnitten konnten wir die Form dreidimensional ineinander morphen. So entstand aus einzelnen Profilinformationen ein zusammenhängender, organischer 3D-Körper. Das ist genau der Punkt, an dem sich für uns die Möglichkeiten moderner CAD-Technik zeigen: Wir zeichnen nicht einfach eine Form nach. Wir entwickeln ihre Geometrie.
Wenn wir nun schon ein vollständiges 3D-Modell haben, lag der nächste Schritt nahe: Warum dieses Bauteil nicht auch komplett dreidimensional fräsen? Denn es ging nicht um ein Einzelstück. Rund 15 Handlaufschnecken müssen gefertigt werden. Damit wird plötzlich nicht nur die Geometrie interessant, sondern auch die Fertigungsstrategie. Jede zusätzliche Aufspannung kostet Zeit. Jede neue Positionierung bringt neue Toleranzen mit sich. Und bei einem Bauteil mit einer derart komplexen Oberfläche ist die Frage der Zugänglichkeit entscheidend.
Also kam mir eine etwas ungewöhnliche Idee: Wir stellen die Schnecke hochkant auf und bearbeiten sie in einer speziell entwickelten Aufspannung möglichst allseitig.
Verrückt? Vielleicht. Aber genau solche Ideen machen für mich den Reiz unserer Arbeit aus.
Mit der Verbindung von TopSolid Wood und TopSolid CAM konnten wir die komplette Bearbeitung digital vorbereiten. Die CAD-Geometrie geht dabei nahtlos in die CAM-Programmierung über. Noch bevor die Maschine den ersten Span macht, lässt sich die Bearbeitung simulieren. Wir können überprüfen, wie sich die Werkzeuge durch die komplexe Geometrie bewegen, welche Bereiche erreichbar sind und wie sich das Ergebnis voraussichtlich entwickeln wird.
Das ist für mich Hightech im Handwerk: Nicht Technologie um ihrer selbst willen, sondern Technologie als Werkzeug, um handwerklich anspruchsvolle Lösungen überhaupt erst wirtschaftlich realisieren zu können.
Gefräst wird dabei in mehreren Bearbeitungsschritten. Zunächst wird mit der Schruppfräsern die Außenkontur herausgearbeitet. Anschließend wird die Innenkontur weiter abgestuft bearbeitet. Zum Schluss übernimmt ein 6-mm-Halbkugelfräser die eigentliche 3D-Oberfläche. Mit einem Raster von nur einem Millimeter wird die komplette Kontur in Geometrierichtung abgezeilt. Das Ergebnis ist eine hochkomplexe dreidimensionale Oberfläche, die anschließend nur noch vergleichsweise wenig handwerkliche Nacharbeit benötigt. Und genau darin liegt der entscheidende Vorteil unseres Ansatzes.
Angenehmer Nebeneffekt
Ein weiterer Punkt war uns besonders wichtig. Die Schnecke sollte nicht wie ein angesetztes Fremdteil wirken. Sie wird nicht einfach hinten an den Handlauf gesetzt. Die Maserung läuft durch das Bauteil hindurch. Gefertigt wird das Element aus demselben Material und möglichst aus demselben Brett wie der Ursprungshandlauf. Natürlich braucht die Konstruktion für die Fertigung zusätzliche Materialbereiche und eine entsprechende Aufspannung. Aber nach der Bearbeitung und Oberflächenbehandlung soll man genau das nicht mehr erkennen. Der Übergang zwischen Handlauf und Schnecke wird zu einer durchgehenden Form. Nicht angesetzt. Nicht aufgesetzt. Sondern aus einem Stück gedacht.
Auch bei der Fertigungszeit zeigt sich, dass sich der Aufwand lohnt. Die eigentliche CNC-Bearbeitung liegt bei ungefähr 50 Minuten. Für die speziell entwickelte Aufspannung kommen etwa fünf Minuten hinzu. Je Seite ergeben sich damit rund 30 Minuten Bearbeitungszeit – bei vergleichsweise geringer handwerklicher Nacharbeit. Bei etwa 15 Schnecken wird aus einer zunächst sehr individuellen Einzelanfertigung damit ein reproduzierbarer Fertigungsprozess.
Hightech trifft Manufaktur
Genau solche Projekte zeigen für mich, was unsere Manufaktur heute ausmacht.
Wir sind ein Familienbetrieb und keine industrielle Großfertigung. Das bedeutet kurze Wege, schnelle Entscheidungen und die Möglichkeit, auch einmal eine ungewöhnliche Idee direkt auszuprobieren. Gleichzeitig verfügen wir heute mit TopSolid Wood, TopSolid CAM und unserer 5-Achs CNC-Technik über Möglichkeiten, die uns bei der Umsetzung komplexer 3D-Formen völlig neue Wege eröffnen.
Das eine ersetzt dabei nicht das andere. CAD/CAM ersetzt unser Handwerk nicht. Es erweitert unseren Werkzeugkasten. Wir können eine Form digital entwickeln, die Fertigung simulieren, die Aufspannung selbst konstruieren und anschließend auf der Maschine präzise umsetzen. Und danach kommt trotzdem wieder das, was eine Manufaktur ausmacht: das geschulte Auge, die Hand, die Nacharbeit und das Gefühl für Material und Form.
Fazit
Die Handlaufschnecke ist für mich viel mehr als nur ein schönes Detail am Ende eines Handlaufs. Sie steht stellvertretend für eine Art zu arbeiten, die wir bei GRÄFE leben: Traditionelles Handwerk verstehen. Moderne Technologie beherrschen. Und beides miteinander verbinden. Wenn ein Kollege mit einer ungewöhnlichen Aufgabe zu uns kommt, möchten wir nicht als Erstes sagen, warum etwas nicht funktioniert. Wir fragen lieber: Wie könnte es funktionieren?
Manchmal braucht es dafür eine neue Konstruktion oder eine besondere Aufspannung. Manchmal eine Funktion in TopSolid, die wir selbst erst kennenlernen und ausprobieren müssen. Und manchmal braucht es einfach eine etwas verrückte Idee.
Genau solche Herausforderungen lieben wir.
Denn am Ende steht nicht nur ein fertiges Bauteil auf der Werkbank. Es steht die Erkenntnis, dass sich anspruchsvolles Handwerk und moderne Fertigungstechnik hervorragend ergänzen können. Darauf sind wir als Manufaktur stolz. Wir freuen uns schon auf die nächste Herausforderung.
Zum Abschluss
Du hast selbst eine außergewöhnliche Idee für eine Treppe, einen Handlauf oder ein Geländer? Dann sprich uns an. Ob klassische Handwerkskunst, komplexe 3D-Form oder eine individuelle Lösung, die zunächst vielleicht unmöglich erscheint – wir entwickeln gemeinsam mit dir den passenden Weg von der Idee über CAD und CAM bis zum fertigen Bauteil.
Vielen Dank, dass du meinen Beitrag gelesen hast. Lass uns gern kennenlernen. Ich unterstütze dich gern bei deinem eigenen Treppen-, Geländer- oder Handlaufprojekt mit den vielfältigsten Möglichkeiten unserer eigenen Fertigung in Holz, Glas und Stahl.
ein Bericht aus dem Projektblog von Danny Gräfe - weitere Infos: www.graefe.eu